Hintergedanken

oder:

Wie viel Realität steckt in der Wirklichkeit?


 
 

Niemandsland, Niemandszeit

 
Was ist das für ein Land?

Alles scheint in Trümmern zu liegen. Es herrschen Chaos, Armut und Korruption. Die Umwelt ist völlig zerstört, das Militär ist mit altem und nicht mehr funktionierendem Material ausgestattet. Außerdem fließt der Alkohol in Strömen.

Außenpolitisch sieht es ähnlich finster aus. Offenbar handelt es sich um einen vormals vereinigten Staat, der nach einem Konflikt in drei Teile zerfallen ist. Der Norden hat sich nach außen hin völlig abgeschottet und gilt als potentieller Aggressor. Der Süden hingegen hat den Sprung in den Wohlstand geschafft und verfügt über eine blühende Wirtschaft sowie einen fortschrittlichen Technologielevel, etwa vergleichbar mit dem Computerboom in der Mitte bzw. zum Ende der 1980er Jahre hin. Die Mitte, und damit auch der Schauplatz der Geschichte, hat es nicht ganz so gut getroffen.

Ich gebe zu, ich hätte dieses Staatenkonstrukt sicherlich noch weiter ausarbeiten können. Damit wäre ich aber recht schnell zu dem Punkt nach dem „Warum“ gekommen. Warum ist dieser Staat in drei Teile zerfallen? Warum ist ausgerechnet die Mitte völlig kaputt? Warum ist der Norden eher feindselig eingestellt? Offen gestanden: Es spielt meiner Meinung nach für die Geschichte keine Rolle. Ich hielt es nicht für notwendig, die Geschichte der drei Staaten näher zu beleuchten. Interessant ist im Zusammenhang mit „F.I.D.E.R.“ alleine der Status quo.

Die Inspiration für dieses Setting stammt übrigens von einer Reportage über die Schwarzmeerflotte Russlands. In dieser Dokumentation war der Alltag dreier Soldaten mit unterschiedlich hohen Dienstgraden beleuchtet worden – ein Mannschaftsdienstgrad, ein Unteroffizier mit Portepee sowie ein Offizier/Hauptmann. Wenn ich ehrlich sein soll, dann habe ich ziemlich genau im Roman beschrieben, was ich in dieser Reportage gesehen habe. Aus diesem Grund hatte ich auch entschieden, die Charaktere teilweise mit slawisch klingenden Namen zu versehen.
 
 

Atompunk?

 
Es gibt ja etliche „-punk“-Genres. Steampunk, Cyberpunk und unzählige mehr. „F.I.D.E.R.“ in das Genre „Atompunk“ einzureihen, das meines Wissens nach noch nicht so richtig definiert ist, ist – zugegebenermaßen – ein wenig gewagt, denn dazu ist das Romanuniversum im Grunde nicht exakt genug ausgearbeitet.

Auf den Punkt gebracht könnte man, wie bereits weiter oben angerissen, den Schauplatz der Handlung in einer alternativen Realität auf dem technischen Stand der 1980er Jahre ansiedeln, wobei allerdings die Atomwissenschaft weiter fortgeschritten ist und die Kernfusion als Energiequelle erschlossen wurde. So existiert in dieser Romanwelt ein munterer Technikmischmasch aus bekannten und heute längst veralteten Gerätschaften sowie einigen schrägen Hightech-Geschichten, wie z. B. den reaktorbetriebenen LKWs.

Wie ich darauf gekommen bin? Ganz einfach: Ich habe über das geschrieben, was ich kenne. Es ging mir schließlich darum, meine eigene Bundeswehrzeit ein Stück weit aufzuarbeiten. Also musste ich auf technische Grundlagen zurückgreifen, mit denen ich selbst konfrontiert war und mit denen ich vertraut bin. Dazu gehören unter anderem die beschriebenen, real existierenden Waffen (z. B. das Sturmgewehr G3), die inzwischen natürlich längst von Nachfolgemodellen abgelöst wurden. Auch die späteren Verlauf der Geschichte beschriebene „moderne“ Ausrüstung der Soldaten entspricht ziemlich genau der Standardausrüstung eines Bundeswehrsoldaten zum Ende der 1980er Jahre.

Natürlich musste ich auch peinlich genau darauf achten, die Soldaten nicht mit irgendwelchen Hightech-Gimmicks auszustatten, mit denen die Story am Ende ad absurdum geführt worden wäre. Ausrüstungsgegenstände wie Nachtsichtgeräte waren beispielsweise tabu. Ansonsten wären die „Angreifer“ recht früh enttarnt worden und die Effekte in den Nachtgefechten hätten nicht funktioniert. Auch Mobiltelefone und ähnlich fortschrittliche Kommunikationsmittel mussten unbedingt außen vor bleiben.

Um das gesamte Setting noch ein klein wenig zu verfremden und von der Realität abzusetzen, habe ich noch den Sprachgebrauch etwas verbogen, beispielsweise in Bezug auf die Dienstgrade der Armee.
 
 

Bundeswehranekdoten:

 
Gleich vorweg: Auch wenn es bei der Bundeswehr sicherlich verschiedene Situationen gab, in denen der gesunde Menschenverstand mit Füßen getreten wurde, so habe ich diese Truppe jedoch während meiner Wehrdienstzeit keineswegs als chaotisch, korrupt oder sonstwie verwerflich erlebt. Ganz im Gegenteil, für einen dermaßen zusammengewürfelten Haufen funktionierte das alles ziemlich gut – insbesondere wenn man bedenkt, welches Potential für eine Menge Blödsinn dort besteht. Und dann waren da natürlich meine Kameraden, mit denen ich mich – bis auf sehr, sehr wenige Ausnahmen – blendend verstand und mit denen ich eine wirklich gute Zeit hatte!

Doch es gibt in „F.I.D.E.R.“ natürlich auch eine Menge Parallelen zur Realität.

Spähtrupp im Wald: Gleich das erste Kapitel handelt von einer Vorführung für Stabsoffiziere, die fürchterlich aus dem Ruder läuft. Ob man es glaubt oder nicht, doch dies hat sich zumindest in seinen Grundzügen tatsächlich so zugetragen. Auch der simulierte Schuss aus der Granatpistole ist nicht erfunden, sondern tatsächlich so passiert, wie ich es im Roman beschreibe. Was ich verändert habe: Es war kein Alkohol im Spiel gewesen, es gab keine Verletzten, niemand fiel vom LKW und es wurden keine Fahrzeuge beschädigt. Und in der Realität war ich selbst der „erschossene“ MG-Schütze, der geborgen werden musste.

Der Schuss in den Ofen: Ein Klassiker, an den sich alle erinnern dürften, die mit mir ihren Wehrdienst geleistet haben. Diese Geschichte hat sich tatsächlich exakt so zugetragen, wie ich es im Roman schildere. Einer der unbeliebtesten Stabsunteroffiziere des Bataillons hatte eine 20 mm Feldkanone auf einem LKW verzurren lassen und seine Männer angewiesen, einen Schuss mit Übungsmunition abzufeuern. Dabei war in Vergessenheit geraden, das Rohr der Waffe ordnungsgemäß zu verriegeln, was zu einer Art Selbstzerstörung der Waffe führte. Und wie man so schön sagt: Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.

Rohrtour: Der Hauptcharakter des Romans muss als „Strafaktion“ durch ein enges Abwasserrohr kriechen und kommt am anderen Ende völlig verdreckt und mit Spinnen übersät wieder heraus. Diese Episode ist nicht erfunden und hat sich bis zu diesem Punkt – inklusive des „Auslösers“ der Strafaktion, nämlich einer Hand voll Waldhimbeeren, die ein Soldat unerlaubterweise verzehrte – tatsächlich exakt so zugetragen. Das Dumme dabei: Ich selbst war der Glückliche, der als erster durch das Rohr kriechen durfte (obwohl ich keine Himbeere angerührt hatte).

„Schlagbolzen frei!“: Ebenfalls ein Klassiker. Bei der Waffenausbildung muss das Maschinengewehr zerlegt und wieder zusammengesetzt werden. Erst bei der Sicherheitsüberprüfung wird festgestellt, dass vergessen wurde, den Schlagbolzen wieder einzusetzen, womit die ganze Waffe nutzlos ist. Um aber eine korrekte Meldung zu machen, ruft der Soldat aus: „MG zerlegt und wieder zusammengesetzt, Funktionsüberprüfung durchgeführt, Waffe entladen, entspannt und gesichert … Schlagbolzen frei!“ Glücklicherweise blieb ich selbst von diesem Missgeschick verschont, doch einer meiner Freunde musste diese Erfahrung tatsächlich machen (und zur Strafe Liegestütze pumpen).

KVP: Der im Roman beschriebene „Kompa(g)nieversorgungspunkt“ ist kein Produkt meiner Phantasie, sondern eine tatsächlich existierende Einrichtung. Zwei Sicherungsringe, bestehend aus mehrfach übereinander gestapelten Stacheldrahtrollen und Kampfständen mit sich überscheidenden Feuerbereichen sowie gegebenenfalls auch Minen und Stolperfallen, umgeben einen gesicherten Bereich, in dem sich die sowohl die Kommandoeinrichtung als auch die Versorgungsgüter befinden. Ein gut befestigter Kompanieversorgungspunkt verfügt über ein System aus Laufgräben, die die einzelnen Kampfstände miteinander verbinden sowie in jedem Sicherungsring jeweils eine Fahrzeugschleuse, die in der Regel mit schweren Waffen gesichert sind. Um einen KVP effektiv abzusichern, sind – je nach Terrain – tatsächlich zwei Züge mit jeweils gut 30 Soldaten nötig.

Der Kompanieabend: Zugegeben, ich habe in meiner Wehrdienstzeit auch einen Kompanieabend erlebt. Zugegeben, er ist ziemlich entgleist. Zugegen, ich habe im Anschluss in den Papierkorb auf unserer Stube gekotzt. Doch es spielte dabei niemand auf einer Fiedel, das schwöre ich!

Die Charaktere: Für die Charaktere gab es keine realen Vorbilder. Sicher, der Unteroffizier, der gerne herumbrüllt und harte Sprüche macht, gibt es vermutlich in beinahe jeder Militäreinrichtung, in der Rekruten ausgebildet werden. Ich selbst habe gleich mehrere Exemplare dieser Spezies kennengelernt. Doch für „F.I.D.E.R.“ habe ich keinen realen Charakter nachgezeichnet. Es kam mir vielmehr darauf an, passende fiktive Charaktere zusammenzustellen, die die Geschichte tragen.