Als ich überlegte, welche Spiele ich in meinem Leben zwar richtig gut fand, aber nie zu Ende gespielt habe, fiel mir prompt „Wing Commander: Privateer“ ein. Wie gut, dass es Möglichkeiten gibt, Verpasstes noch nachzuholen …
 
 

 
 
Tja, das ist wirklich „a blast from the past“. 1993 kam dieses Spiel auf den Markt. Ich glaube, das war zwischen „Wing Commander 2“ und „Wing Commander 3“. Die „Wing Commander“-Reihe war für mich so etwas wie eine heilige Kuh, aber ich weiß noch, dass ich mir „Privateer“ erst relativ spät zulegte.

Den ersten PC kaufte ich gleich nach meiner Ausbildung zum Bürokaufmann, die ich bei der Karstadt AG in Wiesbaden absolviert hatte. Es handelte sich um einen PC von der Karstadt-Hausmarke „Okano“. Ich weiß noch, es war ein 486 DX-33 mit 4 MB Arbeitsspeicher und einem Monster von einer 200-MB-Festplatte. Drauf war MS-DOS 6.2 und Windows 3.11. Die ersten Spiele, die auf diesem Rechner landeten, waren „Wing Commander“ und „X-Wing“. Später diente diese Maschine dann aber unter anderem als Spielgerät für die „Wing Commander“-Reihe – und so kam auch „Privateer“ eines Tages an die Reihe.

Da steht sie im Raumhafen des Planeten Helen im Troy-System: Die gute, alte Tarsus.

Ich weiß noch, wie ich damals wie gebannt den Vorspann angeschaut habe. Mann, war der genial animiert! Und der erzählte sogar eine richtige kleine Geschichte – auch wenn ich das Ende nicht so recht kapierte. Nur mal so zur Erinnerung:

Der Vorspann von Privateer:

Die Tarsus von Burrows, dem Protagonisten des Spiels, ist im All unterwegs. Plötzlich tauchen auf dem Radar drei Blips auf. Es handelt sich um drei Talon-Jäger. Piraten!

„Na, was haben wir denn da?“, fragt einer der Piraten. „Ist das ein Schmuggler, weit entfernt von den üblichen Handelsrouten? Vielleicht ein richtig böser Schmuggler, mit richtig schöner Schmuggelware.“

Burrows versucht, sich herauszureden. „Tut mir leid, Jungs. Ich bin nur ein Tourist mit einem defekten Navigationssystem. Könnt ihr mir sagen, wo ich mich gerade befinde?“

„Tief in Schwierigkeiten, kleiner Tourist. Bereite dich darauf vor, geentert zu werden.“ Die Stimme des Piraten trieft vor Hohn.

Doch mit Burrows ist nicht zu spaßen. „Keine Chance, Mann. Bereite dich darauf vor, zur Hölle zu fahren!“

Burrows reißt die Tarsus in eine enge Kurve und eröffnet das Feuer mit seinem Laser. Die Piraten schießen zurück, doch Burrows schafft es, einen Piraten bereits im ersten Anflug zu zerstören. Die beiden verbleibenden Piraten schicken vier Lenkraketen hinter der Tarsus her. Burrows flüchtet mit vollem Schub und zirkelt die Tarsus um einen Asteroiden herum. Zwei Raketen nehmen die Kurve zu früh und zerschellen am Asteroiden. Dann geht Burrows auf Gegenkurs zu den beiden Piraten. Die Tarsus verfehlt eine der beiden Talons nur knapp, doch die beiden Raketen, die Burrows noch immer verfolgen, treffen das falsche Ziel. Zwei Angreifer ausgeschaltet, einer bleibt noch übrig.

„Wer bist du, dass du so gut fliegst?“, schreit der letzte Pirat in Panik. „Bist du verrückt geworden?“

Burrows bleibt kalt wie Eis. „Nein, aber ich habe eine wertvolle Fracht und eine Menge Rechnungen zu bezahlen.“

„Geht mir doch genauso! Du kannst mich doch nicht umbringen, nur weil ich dich ein bisschen beschossen habe.“

„Der Angriff ist mir eigentlich egal“, sagt Burrows beinahe nachdenklich. „Doch es wird allmählich teuer, mich gegen Typen wie euch zu verteidigen. Und mein Budget ist begrenzt.“

Das ist das Todesurteil für den Piraten. Burrows feuert zwei Lenkraketen ab. Eine findet ihr Ziel und der letzte Talon explodiert. Die zweite Rakete hingegen fliegt ziellos weiter. Schließlich trifft sie irgendwo zwischen den Asteroiden auf ein fremdes Schiff und explodiert. Das fremde Schiff scheint davon völlig unbeeindruckt und nimmt keinen Schaden. Doch es zündet einen grünlich schimmernden, fremdartigen Antrieb und beginnt, Burrows zu folgen.

Was es mit diesem fremden Raumschiff auf sich hat, das ganz am Ende des Vorspanns auftaucht, habe ich dann erst verstanden, als ich das Spiel schon beinahe komplett durchgespielt habe. Es sieht nämlich so aus, dass Burrows offenbar versehentlich eine außerirdische Drohne angeschossen und damit aktiviert hat. Diese Drohne ist nun auf dem Kriegspfad und beginnt, alles und jeden anzugreifen, der ihr in den Weg kommt. Burrows weiß anfangs von dieser Geschichte nichts. Er ist als kleiner Händler im System Troy unterwegs und bekommt eher nebenbei mit, dass irgendwo im Sektor etwas Seltsames vor sich geht. Erst als er in der Bar einer Raumstation auf einen Mann namens Sandoval trifft, der ihm als Lohn für eine erfüllte Mission ein außerirdisches Artefakt überreicht, beginnt Burrows, dem Geheimnis um die Kampfdrohne und die Alienrasse der Steltek auf die Spur zu kommen.

Beim Schiffshändler gibt es nicht nur die Objekte der Begierde, sondern man kann auch sein eigenes Schiff reparieren und aufrüsten.

Für Fans von Weltraumsims war dieses Spiel damals wirklich der Hammer, denn es vereinte sowohl Story als auch Open World Gameplay. Ein Crossover zwischen „Wing Commander“ und „Elite“, wenn man es so will. Man beginnt im Open-World-Teil des Spiels und versucht zunächst, sich ein möglichst schlagkräftiges Raumschiff zusammenzusparen und aufzurüsten. Hat man dieses Kunststück geschafft, kann man dann in die Story einsteigen und deren gut 30 Missionen durchspielen. Wie man sich denken kann, besteht die letzte Mission daraus, die Alien-Drohne abzuschießen. Und genau daran war ich seinerzeit grandios gescheitert. Ich habe dieses verdammte Ding ums Verrecken nicht kaputt gekriegt! Aber nun ist die Zeit gekommen, noch einen Anlauf zu unternehmen.

Los geht’s! Die Tarsus startet von einem Agrarplaneten.

Glücklicherweise hat sich GOG.com der guten, alten „Wing Commander“-Reihe angenommen und bis „Wing Commander IV“ alle Teile sowie alle Spin-Offs wieder veröffentlicht – so auch „Privateer“. Das Spiel kommt als recht überschaubarer Download daher (ich glaube, es waren gerade mal 190 MB) und hat noch einige Extras an Bord, wie z. B. das „Speech Pack“, das alle Funksprüche nicht als Text, sondern als Sprache ausgibt. Dazu gibt es noch eine entsprechend zurechtfrisierte DOSBox, die als Unterbau für die ganze Chose dient.

So habe ich mir das Spiel also auf die Platte geschaufelt und mal munter angefangen, das Troy-System ein wenig unsicher (bzw. in diesem Fall eher ein wenig sicherer) zu machen. Erstaunlich: Die ganzen Spielmechaniken, die ich mir vor Jahrzehnten einmal angeeignet hatte, waren sofort wieder abrufbar. Es dauerte nur ein paar Minuten und schon platzten die Piraten und die Retros wieder reihenweise. Was mich aber wirklich auf die Bretter schickte, war die Spielmechanik an sich.

Man muss sich das mal vorstellen: Da wird heute in allen möglichen Onlinespielen über Ausrüstungen gejammert, die „overpowered“ oder „meta“ seien. Und Cheater kommen sowieso in die Hölle. Es kann ja gar nicht angehen, einen Cheat in einem Spiel einzusetzen! Damit macht man sich ja „godmode“. Tähä, und dann schaut man sich „Privateer“ an. Was entdeckt man da im Hauptmenü? Man kann nicht nur die Kollisionsabfrage abschalten und sich damit unverwundbar machen, sondern auch noch den Munitionszähler abstellen. So genügt es im Grunde also, seine Tarsus mit einer einzigen Rakete mit Freund-Feind-Erkennung auszustatten. Durch das Endlosmunitionsfeature und die Unverwundbarkeit kann man dann einfach den Antrieb abstellen und Raketen ballern bis der Arzt kommt. Auf diese Weise ließe sich die jeweilige Spielinstanz problemlos leerschießen. Selbst die übelsten Militär-Kampfschiffe stinken dann reihenweise ab.

Aber das ist noch nicht der Oberkracher!

Hightech: Der Navigationscomputer.

Der Oberkracher ist, dass es seinerzeit in den Zeitschriften mit Spieletipps auch noch völlig legitim war, diese Godmode-Features zu nutzen. Wollte man sich ein paar Tipps holen, wie man bei „Privateer“ möglichst schnell auf Stufe kommt, dann entdeckte man meist zuerst den Hinweis, die Kollisionsabfrage doch einfach abzustellen.

Mann, das waren noch Zeiten.

Allerdings … wenn ich an meine Anfänge bei Privateer denke, dann meine ich mich zu erinnern, dass ich diese Features nicht genutzt hatte. Wenn mich ein Spiel angefixt hat, dann habe ich generell noch nie zu irgendwelchen Cheats oder Backdoors gegriffen. So habe ich beispielsweise auch „Katakis“ auf dem C-64 in einem Rutsch durchgespielt und dafür ca. 47 Millionen Anläufe gebraucht. Oder „Impossible Mission“ – das habe ich auch komplett durchgespielt, bis ich den verrückten Wissenschaftler gestellt hatte. Nur bei Spielen, bei denen ich irgendwann die Nerven verlor, griff ich dann auch mal zu Cheats. Das tat ich aber nur, wenn mir von vorneherein klar war, dass ich das Spiel niemals bis zum Ende durchmachen würde. Ein Beispiel hierfür war „Alien Breed“ auf dem Amiga. Ich hatte eigentlich keinen Bock mehr drauf, wollte aber einfach mal sehen, was da noch kommen würde.

Ach ja, bei „Wing Commander III“ hatte ich seinerzeit bei einer bestimmten Mission den Schwierigkeitsgrad runtergezogen, weil ich damit einfach nicht fertig wurde, aber gerne in der Story weiterkommen wollte. Ich muss zugeben, das kam mir ebenfalls wie cheaten vor. Bei „Privateer“ gibt es diese Option übrigens nicht. Es gibt nur einen Schwierigkeitsgrad (und natürlich die beiden zuschaltbaren Godmode-Features). Dieser Schwierigkeitsgrad ist recht moderat, so lange man im Anfangssystem herumfliegt. Verlässt man dieses, dann wird es ganz schnell haarig. Und genau deswegen sollte man sich zunächst mal ein etwas potenteres Kampfschiff zusammenschrauben.

Wenn man den Retro mal so schön im Visier hat, dann sollte man ihm auch ordentlich den Arsch versohlen.

Und dann gibt es da noch eine lustige Sache: „Privateer“ stammt aus einer Zeit, in der Joysticks noch verhältnismäßig spartanisch ausgestattet waren. Herkömmliche Joysticks verfügten gerade mal über zwei Tasten. Und dann gab es noch die Flightsticks, die mit einer zusätzlichen Achse (als Schubkontrolle) daherkamen, doch die wurden von kaum einem Spiel unterstützt. Bei „Privateer“ ist das ähnlich. Hier werden nur Zwei-Tasten-Analogsticks untersützt. Schubregler, Ruderpedale, Zusatztasten – alles komplett für den Arsch. Stattdessen bleibt nur der beherzte Griff in die Tastatur, wenn es darum geht, irgendwelche Betriebsmodi aufzurufen, Feinde anzuvisieren oder MFD-Anzeigen zu verändern. Und ich sitze nun da mit einem Monstrum von einem X-52 Pro HOTAS … und kann mit dem ganzen Brimborium überhaupt nichts anfangen. Finde ich irgendwie lustig.

Handel betreiben kann man auch – wenn man will.

Dann werde ich die kommenden Wochenenden mal wieder dazu nutzen, im Troy-System für Recht und Ordnung zu sorgen, bis ich mir die Centurion mit Vollausstattung leisten kann. Und dann steige ich in die Story ein und ziehe durch, bis ich diese bekackte Alien-Drohne zum Platzen gebracht habe. Oh Mann, ich freue mich schon auf diese scheiß Mission mit dem Bibliothekar, den ich beschützen muss, während er von einem Haufen Piraten angegriffen wird. Ich weiß noch, dass es da unheimlich auf Geschwindigkeit ankommt und man die Mission nicht schaffen kann, wenn man keine Centurion mit voll aufgerüstetem Nachbrenner hat. Was habe ich damals gekotzt, als die mir diesen Kasper immer wieder vor der Nase weggepustet haben!

Mal schauen, wieviele Anläufe ich diesmal brauche … und ob ich diesmal wieder den Spaß dran verliere, bevor ich die Drohne gekillt habe.

Updated: 22. Januar 2019 — 15:52