Kolumne – früher waren Tests so einfach.

Wie sehr sich der Videospielbereich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt hat, wurde mir gerade jetzt wieder bewusst, als ich einen alten Artikel aus der Zeitschrift „ASM – Aktueller Software Markt“ in die Finger bekam. Ob ich das gut finde? Ich weiß nicht so recht …

Als Videospielfan der allerersten Stunde bin ich heute natürlich tagtäglich auf Webseiten unterwegs, die sich mit dem Thema befassen. Dort bekam ich immer wieder neue Anregungen und Infos zu den aktuellen Spielen und konnte prima auf dem Laufenden bleiben. Besonders freute ich mich bislang immer, wenn ein neuer Testbericht zu einem interessanten Spiel online ging. Doch in letzter Zeit spüre ich ziemlich deutlich, dass mir das Stöbern auf solchen Seiten immer weniger Spaß bringt. Mehr noch: Es geht mir immer stärker auf die Nerven. Woran liegt das?

Die Antwort fand ich, als ich auf www.kultboy.com einen alten, eingescannten Testbericht zum Spiel „Silkworm“ las. Da war ein alter Arcade-Klassiker auf den Amiga portiert worden. Die Zeitschrift „ASM – Aktueller Software Markt“ hatte sich das Spiel vorgeknöpft und einen Testbericht publiziert. Im Rahmen dieses Berichtes war „Silkworm“ zum ASM-Hit des Monats gekürt worden. Und dieser Bericht umfasst in der Zeitschrift nicht einmal eine komplette DIN-A-4 Seite!

Am Ende fand man dann eine kleine Textbox, in der die Wertung vergeben wurde. Es gab Punkte für Grafik, Sound, Spielablauf, Motivation und Preis/Leistung. Alles hübsch übersichtlich und mundgerecht verpackt. Und im Bericht selbst waren tatsächlich alle wichtigen Punkte angesprochen (ich kann es beurteilen, denn ich kenne das Spiel in- und auswendig).

Und heute?

Nun, heute gibt es natürlich immer Tests. Und diese sind sehr viel ausführlicher und detaillierter, denn der Platz im Internet ist schließlich weitaus großzügiger verfügbar als in einer Zeitschrift mit einer begrenzten Seitenzahl. Wertungen gibt es heute ebenfalls noch, sogar noch weitaus elaborierter als in den kleinen Textboxen damals. Das alles ist auch dringend notwendig, denn Videospiele sind heute in der Regel keine Arcade-Sidescroller mit 10 Leveln, sondern doch etwas umfangreichere Werke. Von daher sollte eigentlich alles in bester Ordnung sein.

Aber das ist nicht der Punkt.

Wären es nur die Testberichte, dann wäre es ja gut. Mehr als das, was darin geschrieben steht, muss ich eigentlich gar nicht wissen, um entscheiden zu können, ob mich ein Spiel interessiert oder ob ich besser die Finger davon lassen sollte.

Was mich nervt, ist das ganze Drumherum, das sich inzwischen in der Branche gebildet hat. Dieser ganze Buhei an Berichterstattung, diese ganze Lawine von Trailern und/oder Ingame-Szenen. Da wird jede noch so unwichtige Information und jedes noch so bescheuerte Gerücht herausposaunt. Aktuelle Beispiele: „Fortnite“ und „PUBG“. Beides unglaublich erfolgreiche Spiele, aber inhaltlich so hohl wie ein Luftballon. Im Grunde genommen gibt es darüber einen Scheiß zu berichten. Dennoch sind die Schlagzeilen voll mit diesen beiden Titeln. Hier eine neue Map, da ein neues Fanvideo, hier ein kleiner Patch mit minimalen Anpassungen … um Himmels Willen, was soll denn diese Scheiße? Jemand der diese Spiele spielt wird schon merken, dass sich etwas ändert.

Auf manchen Titeln wird auch dermaßen lange herumgeritten, dass ich sie mir schon aus Prinzip nicht kaufe – siehe z. B. „Kingdom Come – Deliverance“. Ich habe noch nie auch nur eine Sekunde Gameplay gesehen, weil mir dieses Spiel einfach schon wegen seiner Omnipräsenz zum Hals heraus hängt. Und dieses ganze Buhei führt dann auch noch zu Rohrkrepierern. Siehe hierzu „No Man’s Sky“ oder „Mass Effect Andromeda“. Klar, da haben natürlich hauptsächlich die Entwickler Mist gebaut, das steht außer Frage. Doch ich bin fest überzeugt, dass alleine die mediale Aufmerksamkeit, die diese Spiele erfahren, einen großen Teil zum Hype beiträgt – selbst wenn es sich um kritische Berichte handelt.

Ich bin ja nun wirklich nicht der Typ, der sagt: „Damals war alles besser. War es nämlich nicht. Heute ist es geil und morgen wird es noch geiler! Dennoch komme ich nicht umhin zu sagen, dass ich auf einen guten Teil der heutigen Berichterstattung auf sogenannten „Games-Seiten“ gut verzichten könnte. Klar, man könnte nun argumentieren, dass ich mir ja die Rosinen herauspicken und den Rest ignorieren kann. Doch das ist mir, offen gestanden, allmählich zu mühsam. Damals hat man sich am Monatsanfang auf die neue Lieblingszeitschrift gefreut und diese dann auch meist komplett durchgelesen. Heute ist das alles sehr viel flüchtiger geworden.

Scheiße nochmal, ein paar (ganz wenige) Sachen waren damals irgendwie doch besser als heute …

Updated: 11. April 2018 — 11:50
© 2017, 2018 Niels Peter Henning

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