Retrowave G13 Ultra - Hot oder Schrott?

Das G13 Ultra
Das G13 Ultra - eine kleine, unscheinbare Box. Was steckt wohl dahinter?

Ich will jetzt nicht rumprotzen, aber ich glaube, ich mache schon seit über 15 Jahren mit Emulatoren rum. Mein erster Emulator war MAME. Den betrieb ich seinerzeit auf einem alten Dell-Laptop unter Windows 98. Mit Windows XP war dieser Laptop bereits hoffnungslos überfordert, doch MAME funktionierte einwandfrei und ruckelte nur bei den aktuelleren Titeln. Und natürlich ging nicht allzu viel auf die Festplatte ...

Im Laufe der Zeit wurde es dann immer mehr und mehr. Immer neue Systeme, immer mehr Spiele. Das alles wollte einerseits verwaltet werden, andererseits mussten die Emulatoren stets auf dem neuesten Stand gehalten werden. Das bedeutete jede Menge Sortier- und Konfigurierarbeit. Und das ging mir irgendwann mächtig auf den Zeiger. Deswegen ging ich auf die Suche nach Systemen und/oder Frontends, mit deren Hilfe ich gleich mehrere Emulatoren sowie deren ROMs verwalten konnte. So war ich beispielsweise von RetroArch sehr angetan, weil ich dort nicht permanent nachkonfigurieren musste.

Trotzdem war mir das alles ein bisschen zu frickelig. Deswegen wurde ich neugierig, als ich von einer Konsole namens "Retrowave G13 Ultra" hörte. Dieses Wunderding sollte angeblich komplett Plug'n'Play sein. Einfach an den Fernseher anschließen, einschalten, Controller einschalten und loslegen. Keine Konfiguration, kein Gefrickel. Spiele vorinstalliert, vorkonfiguriert und ready to go.

Na, das klang doch nach einer Ansage! Also habe ich gleich mal beim Onlinehändler meiner Wahl nachgeforscht, ob ich das Gerät dort bekommen kann. Und siehe da: Es gab eine Konsole namens "G13 Ultra". Allerdings nicht von einer Firma "Retrowave", sondern von der Marke "Ruileyou". Wer kennt sie nicht?

Das guckte mich ein wenig seltsam an. Deswegen forschte ich weiter und stieß auf den Webshop eines Unternehmens namens "Retro-Welt". Dort wurde die Konsole auch unter dem Markennamen "Retro-Welt G13 Ultra" angeboten. Seite komplett auf Deutsch, im Impressum eine Adresse in Österreich ... ok, das klang für mich auf das erste Hingucken gar nicht übel. Laut Webshop sollte es sich um ein Sonderangebot handeln. Konsole inkl. 2 Controller. Dann noch ein weiterer Retro-Controller als Geschenk dazu. Über 100.000 Spiele vorinstalliert und noch ein paar Benefits, die mir aber im Endeffekt ziemlich egal waren. Im Grunde hatten die mich schon bei Plug'n'Play. Deswegen klickte ich kurzentschlossen die Bestellung ab.

Danach kamen mir beim näheren Nachforschen dann doch einige Zweifel. Die Sendungsverfolgung startete in China, der Webshop machte auf wundersame Weise den Verschwindibus, doch die Kommunikation funktionierte recht gut. Außerdem stolperte ich über ein paar ziemlich kritische Berichte im Netz, die mich befürchten ließen, auf einen fiesen Produktschwindel hereingefallen zu sein. Offenbar hatten andere Kunden bereits schlechte Erfahrung mit der Qualität und der Leistungsfähigkeit der Konsole gemacht. Darüber hinaus schien es sich beim Verkäufer lediglich um eine Art Scheinfirma zu handeln, die keinen nennenswerten Support bot.

Nun ja, ich wartete ab ... und schließlich traf die Konsole nach einigen Tagen - genaugenommen sogar noch etwas schneller als erwartet - bei mir ein.

Aus dem kompakten Karton zog ich zunächst die Konsole selbst. Ein federleichtes Kästchen. An einer Seite ein Infrarotempfänger. An einer anderen Seite zwei Standard-USB-Buchsen und ein Slot für Micro-SD-Karten (der mit einem Streifen Klebeband überdeckt war - vermutlich um die eingesteckte SD-Karte mit der gesamten Software zu "schützen"). An der dritten Seite ein HDMI-Port, eine RRJ45-Netzwerkbuchse, der Einschaltknopf und eine Buchse für das beiliegende Netzteil. Dazu zwei ebenfalls federleichte und nicht sonderlich wertig wirkende Standard-Gamecontroller sowie ein weiterer Controller mit USB-Kabel, der dem SNES-Controller nachempfunden ist. Außerdem eine Fernbedienung, die so gar nicht zu einer Spielkonsole passen will. Noch ein wenig Papierkrieg - das war's.

Zweimal USB und ein SD-Kartenslot
Die Konsole bietet zwei Standard-USB-Buchsen sowie einen Slot für Mikro-SD-Karten.

Ich wollte natürlich sofort wissen, ob das Ding funktioniert. Also habe ich die Konsole kurzerhand verkabelt, was schnell erledigt war, und in Betrieb genommen. Und siehe da: Das Teil funktionierte tatsächlich aus dem Rohr! Nach einem schicken, kleinen Intro-Video landete ich auf dem mit einem individuellen Theme nett zurechtgemachten UI der Emulationstation. Dort konnte ich haufenweise Systeme auswählen und landete bei jedem System in einer mehr oder weniger umfangreichen Spieleliste. Das funktionierte alles wirklich prima, sodass man bis hierher auch nicht meckern könnte.

Aber es ging ja nicht nur bis hierher, sondern noch ein ganzes Stück weiter.

Bevor ich jetzt anfange, minutiös darüber zu berichten, wie ich nach und nach herausbekam, womit ich es eigentlich zu tun habe, fasse ich das Wesentliche lieber gleich einmal ein wenig zusammen.

Weitere Anschlüsse
Weitere Anschlüsse und der Einschaltknopf.

Die Hardware:

Die Konsole:

Bei der vermeintlichen "Spielkonsole" handelt es sich tatsächlich um eine ganz herkömmliche TV-Streamingbox, in der ein Amlogic S905X3-Chip vor sich hin werkelt. Solche Dinger bekommt man teilweise beim Chinesen für ca. 35 Euro nachgeschmissen. Die genauen Systemspezifikationen kennt man beim Kauf nicht; man kann also auch Pech haben und ein Modell mit einem weniger leistungsfähigen Rechner erwischen. Spoiler: Ich hatte Glück und habe eine der besseren Boxen bekommen. Nimmt man die mitgelieferte SD-Karte heraus und schaltet die Box ein, dann funktioniert sie auch wie eine normale TV-Streamingbox und bootet ihr Standard-Betriebssystem auf Android-Basis. Damit macht dann auch die mitgelieferte Fernbedienung wieder Sinn. Wenn man möchte, dann kann man sich seine Streamingdienste auf der Box installieren und damit Filme gucken.

Die Controller sind wirklich totale Billigheimer - aber deswegen nicht unbedingt schlecht. Beide verbinden sich blitzschnell mit einem USB-Dongle und haben sich bislang noch keine Blöße gegeben. Die Haptik ist zwar ziemlich kernig, aber das macht eigentlich nichts. Wer einen eigenen Controller anschließen will, der kann das jederzeit tun - über Dongle, USB-Kabel oder Bluetooth. Wi-Fi hat die Box natürlich auch an Bord, allerdings greift sie damit nur auf 2,4-GHz-Netzwerke zu und lässt die 5-GHz-Netzwerke außen vor.

Erst die mitgelieferte 256-GB-SD-Karte macht dann aus der Streamingbox eine Spielkonsole. Steckt man die Karte ein und startet das Gerät, dann wird automatisch das Betriebssystem von der Karte geladen, sofern dort eines vorhanden ist.

Fremdhardware:

An den USB-Ports sowie per Bluetooth lässt sich auch "Fremdhardware" betreiben. Man kann sowohl zusätzliche Controller als auch Maus und Tastatur anschließen. Die Geräte funktionieren aus dem Rohr. Allerdings ist unter Umständen je nach Emulator eine Anpassung der jeweiligen Controllerkonfiguration notwendig.

Ein Controller
Zwei dieser Standard-Gamecontroller gehören zum Lieferumfang - beide nicht allzu wertig, doch sie funktionieren und tun, was sie tun sollen.

Die Software:

Betriebssystem und Emulatoren

Grundlage für das gesamte System ist EmuELEC, das speziell dafür entwickelt wurde, aus TV-Streaming-Boxen Retro-Spielumgebungen zu machen. Dabei ist EmuELEC speziell auf die Hardware des jeweiligen Systems abgetimmt.

Als Frontend dient das Emulatorenveraltungssystem EmulationStation, bei dem im Hintergrund sowohl RetroArch als Multi-Emulatorsystem und wohl verschiedene Standalone-Emulatoren arbeiten.

Bevor man loslegt, ist es in jedem Fall empfehlenswert, eine Sicherungskopie der SD-Karte anzufertigen - und zwar nicht nur eine einfach Kopie, sondern ein komplettes Datenträgerimage (z. B. mit Win32 Disk Imager). Man muss davon ausgehen, dass es sich bei der SD-Karte um alles andere als ein hochwertiges Markenprodukt handelt, sondern um einen Billigheimer, der nur darauf wartet, seinen Datenbestand ins Nirvana zu kotzen und sich dann in den SD-Karten-Himmel zu verabschieden. Ähnliches ist mir schon mit der mitgelieferten Karte eines Anbernic-Handhelds passiert. Dummerweise gibt es dann keine Möglichkeit mehr, ein Datenträgerabbild herunterzuladen, da dieses viel zu umfangreich wäre. Stattdessen haben es wohl einige Kunden schon geschafft, eine Ersatzkarte zu horrenden Preise zu bekommen. Wie sie das geschafft haben? Keine Ahnung. Ich jedenfalls will mich da auf keine Abenteuer einlassen und habe einfach ein Image gezogen.

Alternative Betriebssysteme

Nachdem ich alles vorerst in Sicherheit gebracht habe, habe ich natürlich nachgeschaut, ob ich eventuell ein alternatives System wie z. B. Batocera verwenden kann. Oder ein komplett nackisches EmuELEC auf einer blanken Karte. Beides hat nicht funktioniert, obwohl ich wirklich intensiv herumgetrickst und herumprobiert habe. Im Nachhinein kann ich vermutlich auch noch froh sein, dass ich die Box nicht gebrickt habe. In Zukunft werde ich in jedem Fall von solchen Spielereien absehen; das auch vor dem Hintergrund, dass beispielsweise Batocera im Grunde keinen Mehrwert gegenüber dem EmuELEC bieten dürfte. Und wenn ich EmuELEC komplett nackisch machen möchte, dann könnte ich jederzeit sämtliche Bewegungsdaten löschen und die Konfiguration von EmuELEC zurücksetzen.

Ist das wirklich Plug'n'Play?

Einfach Antwort: Nein!

Zugegeben: Man kann die Box einschalten und drauflosspielen. Es ist schon eine ganze Menge vorkonfiguriert. Doch schon bei den allerersten Gehversuchen stolpert man über ein paar Unsauberkeiten.

So wird beispielsweise überhaupt keine Rücksicht auf das Seitenverhältnis der Anzeige genommen. Die alten Spiele wurden für Röhrenfernseher im 4:3 Format programmiert. Auf einem modernen 16:9 Display funktionieren die Spiele zwar, doch die Anzeige wird dabei in die Breite gestreckt, was stellenweise zu grotesken Verzerrungseffekten führt. Runde Planeten in Raumschiff-Spielen werden auf diese Weise eiereckig. Mit so etwas kann ich beim besten Willen nicht umgehen. Also bleibt nichts anderes übrig, als im Menü die passenden Punkte herauszusuchen und anzupassen.

Weiterhin sind einige Controller-Konfigurationen ziemlich abenteuerlich, sodass man auch hier nachsteuern muss.

Natürlich kann man auch beim Look-and-Feel Änderungen vornehmen. So kann man beispielsweise über die Konfigurationsmenüs Bezels und Filter hinzufügen, um das Ganze noch ein wenig "retroiger" zu machen. Und wer es ganz hart möchte, der kann die SD-Karte rausnehmen, in einen Kartenleser stopfen und dann am PC die Konfigurationsdateien bearbeiten. Bislang habe ich dafür allerdings noch keine Notwendigkeit gesehen. Alles, was ich ändern wollte, konnte ich über die internen Menüs einstellen.

Zugabe: Ein SNES-Controller
Als Zugabe kann man sich noch einen von mehreren Retro-Controllern auswählen. Der SNES-Controller war für mich das Mittel der Wahl - auch wenn ich ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals brauchen werde.

Die Spiele

Dann kommen wir nun zum Elefanten im Raum: Zu den über 100.000 Spielen, die auf der SD-Karte mitgeliefert werden.

Wenn man sich die Spielelisten der einzelnen Emulatoren anschaut, dann ist hier quer über einen Riesenhaufen Systeme verteilt wirklich alles dabei, was Rang und Namen hat. Alles!

Natürlich gibt es einige Doppelungen zwischen den unterschiedlichen Systemen, aber alles in allem ist es wirklich eine erschlagende Masse an Titeln, die allesamt hübsch mit Screenshots und Boxart angezeigt werden.

Aber ... ist das alles auch legal? Emulatoren und deren ROMs sind schließlich generell ein kniffeliges Thema - insbesondere, wenn es im Zusammenhang mit kommerziell vertriebenen Produkten auftritt. Klar, es gibt etliche Retro-Geräte, die mit lizenzierter Software daherkommen. Als Beispiele seien hier die Produkte der Firma Retro Games Ltd. genannt, z. B. "The C64 Maxi" oder "The C64 Mini", die jeweils mit etlichen vorinstallierten lizenzierten Spielen daherkommen. Oder die "Amiga Forever" Software, bei der neben lizenzierten Spielen auch Kickstart-ROMs des Commodore Amiga mitgeliefert werden. Doch wie verhält es sich mit der G13 Ultra?

Offen gestanden: Ich weiß es nicht.

Es drängt sich aber die Vermutung auf, dass die Spiele nicht lizenziert sind. Damit wäre der Vertrieb dieser Konsole hierzulande eigentlich illegal.

Ich will jetzt nicht anfangen, hier lange und breit über juristische Hintergründe herumzuphilosophieren. Schließlich bin ich weder Jurist noch Philosoph. Stattdessen empfehle ich allen, die sich noch nicht damit befasst haben, hierzu einfach nachzulesen, was es mit dem Urheberrecht bei solchen Retrokonsolen auf sich hat. Da hängt für uns Retro-Gamer ein ganzer Rattenschwanz dran.

Der Hersteller der G13 Ultra hätte für jedes einzelne Spiel Lizenzgebühren zahlen oder zumindest eine Genehmigung des Urhebers einholen müssen, was bei einer Vielzahl der Spiele gar nicht mehr möglich ist, weil es keinen Urheber mehr gibt - was allerdings nicht bedeutet, die Urheberrechte seien erloschen. Und wenn man dann noch berücksichtigt, dass ein Riesenhaufen Spiele aus dem Hause Nintendo auf der SD-Karte herumfliegt, dann kriegt die Sache endgültig Schlagseite, denn Nintendo ist extrem pissig, wenn es um Lizenzen geht. Das machen die auch in den FAQ ihrer Webseite ganz deutlich. Die werden dem China-Mann wohl kaum das OK geben, mal locker ein paar hundert, wenn nicht gar ein paar tausend alte Nintendo-Spiele auf eine SD-Karte zu flashen und dann für kleines Geld zu verknallen!

Deswegen habe ich übrigens auch davon abgesehen, hier irgendwelche Screenshots aus Spielen zu posten.

Selbstverständlich habe ich KEIN EINZIGES der Spiele gestartet, sondern ALLES von der SD-Karte entfernt und ausschließlich gemeinfreie Spiele verwendet ... deren Titel mir gerade nicht einfallen.

Um diesen Punkt nun aber noch um einen technischen Aspekt zu ergänzen: Wer kalte Füße bekommt und lieber auf Nummer Sicher gehen möchte, der kann selbstverständlich alle mitgelieferten Spiele von der SD-Karte löschen und stattdessen eigene, lizenzierte Spiele auf die Karte kopieren. Hierfür gibt es sogar Anleitungen im Netz.

FAZIT

Einige positive Punkte:

Eher negative Eindrücke:

Und, ist das nun empfehlenswert?

NEIN!

Leute, ich kann hier guten Gewissens kein Produkt empfehlen, das möglicherweise komplett illegal ist, weil es mit raubkopierter Software ausgeliefert wird!

Abgesehen davon ist es problemlos möglich, sich mithilfe eines Raspberry Pi und billiger Hardware eine ganz ähnliche Konsole selbst zusammenzubauen.

Andererseits: Wer keinen Bock auf eine längere Bastelstunde und stundenlange Konfiguration eines Emulatorsystems hat und außerdem noch moralisch ausreichend flexibel ist, der könnte durchaus ziemlichen Spaß mit der G13 Ultra haben.

Mein Tipp: Informiert Euch genau, was es mit dem Urheberrecht bei Retrospielen auf sich hat und welche Konsequenzen gegebenenfalls drohen könnten, wenn Ihr urheberrechtlich geschütztes Material widerrechtlich nutzt. Wägt dann selbst alles Für und Wider ab und entscheidet selbst, ob Ihr eine G13 Ultra haben wollt oder nicht. Ihr seid sicherlich erwachsene Menschen und könnt das mindestens genauso gut abschätzen wie ich - vermutlich sogar noch besser.

That’s all, folks!

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