
Ich gebe es zu: Ich bin eine Gearslut! Deswegen kam ich nicht umhin, das nächste Stück günstiger Musikhardware abzugreifen: Den M-Vave FM-1 Mini-Synthesizer, der ganz nach dem Vorbild des ikonischen Yamaha DX7 arbeitet. Aber ... tut er das wirklich? Und kann man mit einem kleinen Kästchen für nicht einmal 90 Euro überhaupt etwas anfangen? Gucken wir mal.
Eigentlich wollte ich keine Musikhardware, sondern alles über VSTi "in the box" produzieren. Inzwischen bin ich aber doch ein ganzes Stück von dieser Idee abgewichen, weil mich einige Instrumente ziemlich angefixt haben. So ist eine lustige Sammlung extrem kompakter Instrumente zusammengekommen:
Was in meinem Setup aber definitiv noch fehlte, war ein FM-Synthesizer im Stil des Yamaha DX7. Und den habe ich nun gefunden.
Bevor ich etwas über das Gerät selbst erzähle, hier zuerst eine kleine Erläuterung, was es mit der Klangerzeugung durch Frequenzmodulation auf sich hat:
Ein FM-Synthesizer arbeitet mit mehreren Oszillatoren, die allesamt ausschließlich Sinusschwingungen produzieren. Diese Oszillatoren kann man nun auf unterschiedliche Weise "übereinander" anordnen, sodass der "unten" liegende Oszillator als Träger fungiert, der vom "darüber" liegenden Oszillator moduliert wird. Durch die Art und Weise dieser Modulation werden der Sinusschwingung des Trägers verschiedene Obertöne hinzugefügt. Wenn man nun die Oszillatoren gegeneinander verstimmt, verschieben sich diese Obertöne und fügen dem Trägersignal neue Nuancen hinzu. Auf diese Weise können klirrende, metallisch klingende Sounds erzeugt werden, die beispielsweise mit subtraktiven Synthesizern nicht realisierbar sind.
Ich muss nun noch ein wenig weiter abschweifen und ein paar Worte zum großen Vorbild des FM-1 verlieren.
Anfang der 80er Jahre kam der Yamaha DX7 auf den Markt und rollte selbigen in Rekordzeit komplett auf. Immerhin handelte es sich bei diesem Gerät um einen für die damalige Zeit sensationell ausgestatteten, polyphonen Digitalsynthesizer, der zu einem lächerlich günstigen Einstiegspreis von 4.730,00 DM über den Ladentisch ging.
Der DX7 verfügte über 6 Oszillatoren, die nach dem oben beschriebenen Prinzip arbeiteten. Dazu waren 32 Algorithmen fest programmiert, nach denen die Oszillatoren angeordnet - oder besser gesagt: gestapelt - werden konnten. Jeder dieser Oszillatoren konnte individuell verstimmt werden und verfügte über eine eigene ADSR-Hüllkurve. Auf diese Weise ließen sich mit dem DX7 teilweise völlig abgedrehte Soundkonstrukte herstellen ... und genau das war auch eines seiner Problemchen. Und da gab es noch andere.
Da war zum Einen die Tatsache, dass die Ergebnisse stellenweise nur schwer vorhersehbar waren, wenn man willkürlich an den Oszillatoren herumprobierte. Hatte man ein konkretes Ziel vor Augen, wie sich ein Sound entwickeln sollte, dann benötigte man eine Menge Erfahrung, um dieses Ziel mit dem DX7 zu erreichen. Zum Anderen war da die Bedienung des Gerätes. Es gab nur ein ziemlich kleines Display und etliche Tasten. Auf den ersten Blick war für den Musiker nicht erkennbar, welche Werte gerade eingstellt waren. Und das Einstellen selbst funktionierte alles andere als intuitiv.
Aber es gab ja die Werkspresets. Der DX7 kam mit einer ganzen Reihe von Patches daher, die sagenhaft gut klangen und bestens geeignet waren, um sofort in die Produktion einzusteigen. Deswegen machten sich viele Produzenten gar nicht erst die Mühe, sich in die Programmierung einzuarbeiten, sondern nutzten einfach die Werkspresets. Das wiederum führte zu einem gewissen Wiederholungsfaktor in der Musikbranche der 80er Jahre. Und so prägte der Yamaha DX7 den kompletten Sound dieser Ära.

Das Display des FM-1 ist zwar winzig klein, bietet aber ein wesentlich entspannteres Arbeiten als die kryptische LED-Anzeige des DX7.
Und nun kommt also dieser M-Vave FM-1 daher - so ein kleines Plastik-Kackding, das noch nicht einmal 90 Euro kostet und einen auf dicke Hose machen will. Da muss man doch einfach skeptisch werden. Und neugierig. Und auch ein bisschen angefixt. Und weil mir ohnehin noch ein kleiner FM-Synthesizer fehlt, habe ich meiner Neugierde nachgegeben und das Gerät kurzerhand bestellt. Ich hatte mich in den letzten Jahren ein wenig mit der Funktionsweise und der Programmierung des DX7 beschäftigt, indem ich Fachliteratur gelesen und mit dem Freeware-VSTi "Dexed" gespielt hatte, das den DX7 erstaunlich gut abbildet. Nun wollte ich wissen, ob der FM-1 tatsächlich mit seinem Vorbild mithalten kann.
Nach dem Auspacken war ich ganz positiv überrascht. Klar, man hat es mit einem Platikgehäuse zu tun, aber dennoch wirkt das Gerät ziemlich wertig. Die sieben Drehregler fühlen sich gut und knackig an, die Tasten haben einen spürbaren Klick. Lediglich die Klaviertastatur ist ein wenig wabbelig, doch wenn man den Anschaffungspreis im Hinterkopf behält, dann geht das durchaus in Ordnung.
Das Display ist zwar klein, bietet aber eine anständige Helligkeit und gute Schärfe, sodass man alle Infos problemlos ablesen kann.
So günstig das Teil auch sein mag - es bringt doch einige interessante Features mit. Neben der "normalen" Soundgestaltung über die 6 Oszillatoren können hier beispielsweise noch eine Hüllkurve für den Verstärker oder ein LFO für den Pitch eingesetzt werden. Außerdem gibt es eine Effektsektion, in der eine Reihe Effekte auf Wunsch gleichzeitig aktiviert werden können: Filter (Hoch-,Tief-, Bandpass mit einstellbarem Cutoff und Wirkungsgrad), Reverb mit mehreren Presets und Parametern, Delay, Distortion, Chorus und Phaser (ich arbeite mich jetzt mal nicht an jedem einzelnen Punkt ab).
Weiterhin gibt es einen einstellbaren Arpeggiator mit einer Vielzahl von Mustern sowie einen 16-Step-Sequenzer, der mehrere Pattern verwalten kann. Das ist einiges an Munition, die der originale DX7 seinerzeit nicht mitbrachte.

Das "Kontrollzentrum" des FM-1. Hier sitzen nicht nur die wichtigen Funktionen für das Sounddesign (Taste "Edit"), sondern auch eine Reihe Sonderfunktionen.
Hier war ich gnadenlos überrascht!
Obwohl das Gerät nur extrem wenige Bedienelemente bietet, konnte ich nahezu sofort loslegen und fand intuitiv alle notwendigen Kontrollen für das Sounddesign.
Seien wir zunächst mal ehrlich: Wer keine Ahnung hat, womit er es zu tun hat und wie Frequenzmodulation grundlegend funktioniert, der sitzt vor so einem Gerät wie der Ochs vor'm Berg. Genau so erging es mir, als ich seinerzeit erstmals das Dexed-Plugin für meine DAW startete. Erst als ich ein wenig Fachliteratur gewälzt hatte, wusste ich ansatzweise, wie man einen Sound programmieren kann und was der ganze Quatsch mit den Oszillatoren bedeutet. Ohne dieses Grundwissen (mehr ist es tatsächlich nicht) wüsste ich auch heute nicht, was ich mit dem FM-1 anfangen soll.
Da ich aber einigermaßen weiß, worum es geht, hatte ich keine Probleme, die notwendigen Parameter zu finden und entsprechend meiner Vorstellungen zu modifizieren.
Das Bedienkonzept, das auf einem Zusammenspiel aus Menüführung und Drehschaltern besteht, finde ich in diesem Zusammenhang wirklich gut gelungen. Es macht einen Haufen Spaß, an den Reglern herumzuspielen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich ein solches Konzept bei einem subtraktiven Synthie nicht so toll finden würde, weil ich dort nicht unbedingt durch Menüs navigieren möchte, sondern ausschließlich an Reglern herumschieben oder -drehen möchte.
Etwas desperat wurde die Geschichte nur bei der Bedienung des Sequenzers. Ähnlich wie bei Behringer, stammt auch der M-Vave-Sequenzer direkt aus der Hölle. Vielleicht nicht direkt aus der Haupthölle, doch zumindest aus dem Vorzimmer. Dies ist auch die einzige Sektion bei diesem Gerät, die ich bis jetzt finden konnte, bei der Kombinationen aus Tasten und Reglern benötigt werden, um bestimmte Funktionen zu nutzen - und das geht alles andere als intuitiv von der Hand. Ohne die Anleitung ist man hier erstmal komplett aufgeschmissen, weil man zwangsläufig nur Bullshit programmiert.
Zubehör ... na ja, so möchte ich es eigentlich nicht unbedingt nennen. Reden wir stattdessen lieber von Software und Hilfsmitteln.
Tatsächlich gibt es einen erstaunlich guten Online-Editor, mit dem sich Sounds nicht nur verwalten, sondern über ein grafisches Interface auch sehr einfach programmieren lassen (wobei das Wort "einfach" im Zusammenhang mit einem 6-Oszillator-32-Algorithmen-Synthesizer schon irgendwie niedlich klingt). Außerdem können ganze Soundbänke zwischen dem Gerät und dem PC hin und her geschoben werden.
Der Knaller: Auf diese Weise können sogar echte DX7-Sysex importiert werden! Der FM-1 verarbeitet diese problemlos.
Es gibt auch noch die Möglichkeit, den FM-1 mit mobilen Geräten zu koppeln, aber daran bin ich nicht interessiert und habe deswegen auch nichts ausprobiert.
Als Schnittstellen gibt es einen USB-C-Port, über den der interne Akku des Geräts geladen werden kann. Außerdem findet hier sowohl der Datenaustausch mit dem PC als auch das Empfangen von MIDI-Signalen statt. Dazu gibt es noch eine Klinkenbuchse für MIDI und einen Kopfhörer-/Lautsprecherausgang.
Tja, wie klingt er nun?
Sagen wir es mal so: Lädt man die DX7-Werkspresets, dann erkennt man die Sounds sofort wieder. Der kleine Lautsprecher an der Rückseite des Geräts ist dabei eher ein nettes Gimmick als eine ernstzunehmende Soundquelle.
Ob das Ganze aber tatsächlich dem Sound eines echten, wahren Yamaha DX7 entspricht ... zugegeben, ich habe keine Ahnung. Und wisst Ihr auch, weswegen das so ist? Ganz einfach: Weil ich noch nie in meinem Leben die Chance hatte, einen echten DX7 live und in natura zu hören oder gar selbst zu spielen.
Die große Frage ist eher: Kann man bei einem Minimal- bzw. Minisetup überhaupt etwas mit dem Gerät anfangen oder kommt nur Gulasch raus? Nun, darauf kann ich guten Gewissens antworten: Klar kann man damit etwas anfangen. Der Sound geht in meinen Augen vollkommen in Ordnung und für die Produktion von Lo-Fi-Tracks einwandfrei geeignet!
Ich bin wirklich ziemlich überrascht. Für diesen lächerlichen Preis bekommt man tatsächlich ein Gerät, mit dem man etwas anfangen kann. Klar, es gibt überall Ecken und Kanten, an denen man immer wieder ein bisschen hängenbleibt. Ein Sequenzer aus der Hölle und eine etwas wabbelige, nicht anschlagdynamische Tastatur. Wenn man das Teil aber von extern ansteuert, dann ist das alles gar ein Problem.
Wer es sich wirklich antun möchte, dieses Ding zu programmieren, dürfte auch angenehm überrascht sein, denn der Workflow dabei ist erstaunlich intuitiv und geht verhältnismäßig flott von der Hand. Schade ist, dass die Hüllkurven der einzelnen Operatoren (= Oszillatoren) nicht grafisch dargestellt sind, doch wenn man weiß, was die einzelnen Parameter bedeuten, dann bekommt man die Show schnell an's Laufen. Und falls man es doch etwas komfortabler haben möchte, dann benutzt man einfach das Web-Interface, das alle Parameter pro Operator auf einen Blick bietet und mit dem sich Sounds ganz einfach hin und her schieben lassen.
Ich denke, damit ist mein Setup an Klein- und Kleinstgeräten für die Musikproduktion vorerst ziemlich komplett. Drei unterschiedliche Synthesizer, eine Groovebox und ein Sampler - das sollte genügen, um einigen Lärm zu produzieren. Entweder steuer ich drei Synthesizer und den Sampler über eine einfach Sequenzersoftware (wenn ich keine DAW benutzen will) oder ich hänge zwei der Geräte an die Groovebox, die dann auch als Steuerzentrale dient.
In jedem Fall wird mir nicht langweilig.
That’s all, folks!
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